Wie verheerend auch immer die Überschwemmungskatastrophe über ganze
Landschaften, Städte, Dörfer und Täler hereingebrochen ist - eine
“Jahrtausendflut” war es nicht. Dies war sie nur als Medienspektakel
- aber nicht im historischen Vergleich. Das zeigt sich am besten am
Beispiel von Dresden, das tagelang zum Symbolort des
Hochwassergeschehens geworden war - weil sich von hier aus am besten
berichten ließ.
In die Erzgebirgstäler, wo die Not am größten war und ist, drangen
die Fernsehteams nicht vor. Nicht einmal auf die überfluteten,
evakuierten Stadtteile in Dresden selbst richteten sie ihre
Objektive. Die Gründe sind nachvollziehbar: Zugangsmöglichkeiten gab
es nicht, Straßen und Brücken waren unbenutzbar. So entstand, was die
Zuschauer nicht ahnen konnten, ein Bild von Schauplätzen, die
eigentlich gar keine waren - und eine Legende der Flut, die sich
verselbständigte.
Tatsächlich wurden in Wehlen oberhalb und in Meißen unterhalb von
Dresden 30 Zentimeter niedrigere Pegelstände als 1845 gemessen, ganz
zu schweigen von der Flut von 1799, die noch wesentlich höher
auflief. Wie die extrem hohen Pegelstände, die am 17. August 2002 in
Dresden selbst gemessen wurden und die mit 9,40 Meter rund 60
Zentimeter über jenen von 1845 lagen, tatsächlich zustandekamen,
bleibt zunächst ein Rätsel. Sicher ist, dass die Flut von 1845 auch
in der sächsischen Landeshauptstadt weit größere Schäden als die von
2002 verursacht hat. Das ist kein Trost für die Betroffenen, gibt
aber Fragen auf.
Falsch ist auch die Behauptung, das zerstörerische Hochwasser der
Weißeritz, das Häuser, Brücken, Straßen, Eisenbahnschienen wie Papier
zerknüllt und durch die Luft gewirbelt hat, sei in diesen
dramatischen Auswirkungen ohne Beispiel gewesen und habe von
niemandem vorhergesagt werden können. Ganz im Gegenteil sind nämlich
frühere Weißeritzhochfluten minutiös dokumentiert und anschaulich
beschrieben. So ähnelt das Hochwasser von 1897, bei dem sich der
Fluss am 30.Juli “in wenigen Stunden zum reißenden Strom und der
ganze Plauensche Grund von Hainsberg bis zum Dorfe Plauen zum
tobenden See” entwickelte, bis in Einzelheiten hinein der jetzigen
Katastrophe, nur mit dem Unterschied, daß die damalige Sturzflut noch
größere Schäden anrichtete.
In Erklärungsnot sind jetzt die Talsperrenbetreiber von Klingenberg
und Malter geraten. Diese riesigen Wasserrückhaltebecken an den
beiden Zuflüssen der Weißeritz, der Roten und der Wilden Weißeritz,
waren nämlich nach den Erfahrungen von 1897 unter hohem Aufwand
speziell errichtet worden, um ähnliche Katastrophen für alle Zeiten
abzuwenden. In der Flutnacht von 2002 jedoch waren sie fast bis zum
Rand gefüllt - weil die Wetterberichte angeblich nicht früh genug
gewarnt hätten. Die Wahrheit sieht nach Meinung vieler Anlieger, die
sich jetzt zu Wort melden, anders aus. Malter ist zur
Touristikattraktion, Klingenberg zum angeblich unverzichtbaren
Trinkwasserreservoir umfunktioniert worden. Um den Campern in Malter
den Blick in ein schlammiges Loch und dem Weißeritzkreis
Wassereinschränkungen zu ersparen, hat man “nach Vorschrift”
gehandelt und auf die dramatische Wetterlage zu spät oder gar nicht
reagiert - eine folgenschwere Fehleinschätzung.
Anlass zur Klage sieht auch der Chef der Dresdner Museen, Martin
Roth. In den dramatischsten Stunden der Elbehochflut wurden die
Pumpen und Notstromaggregate für die herausragendsten Dresdner
Baudenkmäler, den Zwinger und die Gemäldegalerie, ohne Vorwarnung
abgestellt. Den fassungslosen Mitarbeitern der Galerie wurde
achselzuckend eröffnet: “Die Gebäude werden aufgegeben.” Nur ihrem
bis an die Grenzen menschlicher Leistungskraft gehenden Einsatz ist
es zu danken, dass - viel zu spät! - Ersatz aus dem selbst schwer
betroffenen Erzgebirge herangeschafft werden konnte.
Das Wort von Herder: “Blühe, deutsches Florenz, mit deinen Schätzen
der Kunstwelt” - es scheint in Teilen der Verwaltung nicht mehr
begriffen zu werden. Auch, wenn man nicht wörtlich zu nehmen geneigt
ist, was Roth von einem früheren Staatssekretär des
Finanzministeriums vernommen haben will: “Am liebsten möchte ich das
ganze alte Gelumpe auf der Elbe schwimmen sehen” - so drängt sich
doch der Eindruck auf, dass die Gleichgültigkeit gegenüber dem, was
den eigentlichen “Staatsschatz Sachsens” (Roth) ausmacht, in den
sächsischen Ministerien erstaunlich verbreitet ist. So mussten die um
die Rettung von 20000 Kunstgütern bemühten Mitarbeiter der Galerie
zusehen, wie die Pumpen beim benachbarten Kempinski-Hotel und am
maroden Kulturpalast weiter arbeiteten, während im Zwingerhof das
Wasser stieg. Welche Schäden den weltberühmten Gebäuden dadurch
zugefügt worden ist, lässt sich noch gar nicht beziffern.
Den eigentlichen Grund für die Fehleinschätzungen und Missgriffe, die
bei der Bewältigung der Hochflut zu beklagen sind, wird man tiefer
suchen müssen. Das Verhältnis zur Natur, zur Geschichte und zu den
geistigen Gütern ist gestört. Dass dies auch und gerade für Bereiche
der höheren Verwaltung zutrifft, ist die bittere Erkenntnis und das
Menetekel dieser in Teilen verunglückten Bewährungsprobe. Es ist
Zeit, daraus die Lehren zu ziehen.
aus Die Welt
Ray